IMI-Analyse 2025/40 - in: AUSDRUCK (Dezember 2025)

Bundeswehreinsatz in „Wokeistan“?

Ungelebte Inklusion und erstickende Rollenstereotype

von: Reza Schwarz | Veröffentlicht am: 15. Dezember 2025

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Dieser Beitrag erschien in der Dezember-Ausgabe des IMI-Magazins mit dem Schwerpunkt „Feminismus heißt Antimilitarismus“. Der Artikel kann hier, die gesamte Ausgabe hier heruntergeladen werden.

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Die Bundeswehr hat ein „Personalproblem“ und benötigt dringend neue Rekrut*innen, weshalb eine Reaktivierung der Wehrpflicht ganz oben auf der Agenda der Regierungsparteien steht. Seit 2001 dürfen in Deutschland auch Frauen* freiwillig in allen Laufbahnen innerhalb der Bundeswehr dienen und machten im Jahr 2023 einen Anteil von insgesamt 13,4% aus.[1] Innerhalb Europas wurde in den letzten zehn Jahren in Norwegen, Schweden und zuletzt in Dänemark die Wehrpflicht für Männer* und Frauen* eingeführt.[2]Diese Beispiele sorgten dafür, dass auch in Deutschland die Forderungen nach einer „Wehrpflicht für alle“ oder einem „allgemeinen Dienstjahr“ immer lauter wurden[3]und diese teilweise sogar als Errungenschaft für mehr Gleichberechtigung dargestellt wurden.[4]

Die Bundeswehr im Woke-Check

Frühestens seit der Tätigkeit Ursula von der Leyens (CDU) als erste weibliche Bundesverteidigungsminister*in bemüht sich die Bundeswehr immer weiter um einen Imagewandel: bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mehr Gleichberechtigung[5]und ein gerne für Werbezwecke genutztes diverseres Erscheinungsbild der Truppe. Diese Art von neuer Repräsentation wurde zum Beispiel für die Öffentlichkeitsarbeit des ersten deutschen Veteranentags in diesem Jahr bemüht: die zweifache Mutter und ehemalige Rugby-Nationalspielerin namens Sonja ist Oberstabsfeldwebel sowie militärische Gleichstellungsbeauftragte und hat bereits mit 14 Jahren den Entschluss gefasst, zur Bundeswehr zu gehen. Sie hat afro-amerikanische Wurzeln, ihr Vater war Soldat beim US-Militär. In dem Einspieler auf dem offiziellen YouTube Channel des Veteranentags betont sie, wie unglaublich viel ihr die Bundeswehr ermöglicht habe und wie diese ihr zu einem selbstbestimmten Leben voller Wertschätzung verholfen habe.[6]

Eine andere Frau, welche in der Öffentlichkeit lange als Aushängeschild für Diversität bei der Bundeswehr diente, ist Anastasia Biefang. Sie führte zwei Jahre lang als erste trans*Frau in einer gehobenen Offizierslaufbahn das Informationstechnikbataillon 381 in Storkow. In einem Interview zum 65-jährigen Bestehen der Bundeswehr äußerte sie dennoch unmissverständliche Kritik: „65 Jahre Bundeswehr stehen für mich aber auch zu einem bedeutenden Teil für mangelnde innere Anstrengung zur eigenen Veränderung der Bundeswehr aus sich heraus. Die für mich prägendsten Beispiele dazu sind die Zulassung von Frauen in allen Bereichen der Streitkräfte erst durch ein Gerichtsurteil. Das andere ist die Abkehr vom Erlass von 1984 zur strukturellen und systematischen Diskriminierung von homosexuellen Soldaten, welche erst durch die politische Entscheidung des damaligen Bundesministers der Verteidigung im Jahr 2000, immer noch entgegen dem Ratschlag der Generalität, erfolgte. Das sind Themen, die wir als Organisation und insbesondere als Führungskräfte beleuchten müssen, wenn wir unsere eigene Bundeswehr immer wieder kritisch und systematisch überprüfen. In beiden Fällen hinkte die Bundeswehr deutlich dem gesellschaftlichen Wandel hinterher.“[7] Anastasia Biefang wurde 1994 mit 20 Jahren zum Dienst in der Bundeswehr eingezogen, ihr Vater war ebenfalls Offizier bei der Luftwaffe und Waffensystemoffizier.[8] Über diese Zeit sagte sie rückblickend in einem TEDx-Talk: „Ich verschwand in einer Welt von Verhaltensregeln kodifiziert, angefangen vom Haarschnitt, kurz geschoren, von Werten, vom Verständnis, vom Sein, vom Auftritt: durchsetzungsstark, laut, sichtbar, Raum einnehmend! Es gefiel mir… vielleicht. Aber alle um mich herum waren so und dennoch irgendwas fehlte, irgendwas war Versatz. Es hat nicht gepasst. Tagsüber war es Flucht. Die Gefühle, die ich aus dem Kleiderschrank meiner Mutter von sechzehn und siebzehn (Jahren) hatte, die waren immer noch da und sie passten noch immer nicht zusammen. Immer wieder versuchte ich auszubrechen und das Frausein in mir, was keimte, zu leben. Angst und Scham waren aber mein ständiger Begleiter.“[9] So kam es, dass Biefang sich erst nach über 20 Jahren, mit Anfang 40, als trans*Frau outen konnte und zunächst überraschenderweise auf ungewohntes Wohlwollen seitens ihres damaligen Vorgesetzten stieß. Für erhebliches Abschreckungspotential sorgte bei ihr nämlich auch der Umgang Anfang der 2000er mit einer anderen trans*Frau innerhalb der Bundeswehr: die ehemalige Luftwaffensystemoffizier*in Christiane Meiners.[10]

Meiners diente bis 2011 bei der Bundeswehr. Sie berichtet von Mobbingstrukturen und einem systematischen Unsichtbarmachen ihrer Existenz als trans*Frau innerhalb der Truppe gegenüber der Öffentlichkeit. Um eine offizielle Anerkennung ihrer Diskriminierungserfahrungen sowie bezüglich einer möglichen Entschädigung kämpfte sie vergeblich. Ihre Beweggründe, bei der Bundeswehr Karriere machen zu wollen, schildert sie wie folgt: „Wie viele andere Menschen auch, wollte ich schon als Kind Astronaut werden, mich haben auch Militär- und Kampfflugzeuge fasziniert. Vor meiner Pubertät konnte ich mit den Gefühlen, eine Frau zu sein, aber überhaupt nichts anfangen und konnte diese auch nicht zuordnen. […] Fliegen war mein großer Lebenstraum. Nach dem Abitur hatte ich auch noch die Hoffnung, dass dieser mit Männlichkeit, Stärke und Disziplin assoziierte Beruf, meine innere Zerrissenheit, sich nicht als Mann, sondern als Frau zu fühlen, das vielleicht unterdrücken oder bekämpfen würde. Zu Beginn der Ausbildung Anfang der 1990er-Jahre hat das auch sehr gut funktioniert.“ Des Weiteren berichtet sie, dass die truppenärztliche Versorgung während der ersten wesentlichen Schritte innerhalb der medizinischen Transition überraschenderweise ziemlich gut war.[11]

Auch auf Anastasia Biefang wartete nach zunächst erfolgter Unterstützung innerhalb ihrer sozialen und medizinischen Transition ein unerwarteter Backlash: 2019 wurde ihrem Vorgesetzten anonym ein Screenshot ihres Online-Datingprofils auf Tinder zugesendet. Der Profiltext „Spontan, lustvoll, trans*, offene Beziehung und auf der Suche nach Sex. All genders welcome.“ führte zur Einleitung eines Disziplinarverfahrens mit anschließender Versetzung zur Referatsleitung des Kommandos „Cyber- und Informationsraum (CIR)“ in Bonn. Biefang akzeptierte den Verweis nicht und versuchte mit Hilfe der „Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF)“ und der Interessensvertretung queerer Bundeswehrangehöriger „Queer-Bw“ vor den Truppendienstgerichten und dem Bundesverwaltungsgericht diesen zu kippen. Die Gerichte bestätigten jedoch den Verweis, mit der Begründung, dass der Profiltext gegen die „außerdienstliche Wohlverhaltenspflicht“ verstoße und „Zweifel an der charakterlichen Integrität der Offizier*in“ wecken könnte. Das Bundesverfassungsgericht lehnte die Verfassungsbeschwerde im April 2025 ab, da der Verweis bereits vor Einreichung der Beschwerde schon tilgungsreif war, die Darlegung besonderer Gründe für eine Annahme wie z.B. eine Wiederholungsgefahr seien nicht rechtzeitig durch Biefang dargelegt worden.[12]

Ein Blick in die USA

Auch innerhalb des US-Militärs scheinen trans*idente Menschen durchaus vertreten zu sein. Eine Studie aus dem Jahr 2016 schätzte, dass zu diesem Zeitpunkt bis zu 15.000 trans*Personen dienten. 2011 wurde innerhalb der Streitkräfte die sogenannte „Don´t ask don´t tell“-Policy unter der Obama-Regierung erstmals gekippt. Diese Policy verhinderte, dass sich queere Militärangehörige öffentlich outeten und andererseits Führungskräfte keine Nachforschungen diesbezüglich initiieren durften. Es gibt bis heute keine verlässlichen Daten, wie viele trans*Personen genau beim US-Militär beschäftigt sind, jedoch lassen die Ergebnisse des über mehrere Jahre angelegten „National Transgender Discrimination Survey (NTDS)“ tendenziell folgenden Schluss zu: die Wahrscheinlichkeit, dass eine trans*Person dem US-Militär dienen wird, ist mindestens doppelt so hoch wie bei cis-geschlechtlichen Menschen. Die Mehrheit von ihnen hat einen männlichen Geschlechtseintrag nach der Geburt zugewiesen bekommen. Insgesamt wird hierbei von einem Anteil von circa 21% ausgegangen, was die US-Streitkräfte zum beliebtesten Arbeitgeber unter trans*Personen macht (Gates & Herman 2014).[13]

Doch warum zieht ein Arbeitgeber mit solch diskriminierenden Strukturen ausgerechnet Angehörige gesellschaftlicher Minderheiten so sehr an? Ein Beweggrund scheint die Hypermaskulinisierung innerhalb des Militärs zu sein, die es einerseits ungeouteten trans*Frauen ermöglicht, ihre wahre Identität so lange wie möglich zu verbergen und andererseits ungeouteten trans*Männern, ohne sich dafür gesondert rechtfertigen zu müssen, in „maskulinere“ Rollenbilder hineinwachsen zu können. Kurz gesagt scheint das Militär eine besondere Plattform für einerseits zunächst erfolgreiches Unterdrücken von Geschlechtsdysphorie, besonders um gesellschaftlich praktizierter Misogynie bei trans*Frauen zu entkommen, aber gleichzeitig „gender affirming“ für trans*Männer zu sein. Andere eher materialistische Beweggründe scheinen der gute Verdienst, die bessere Gesundheitsversorgung, gute Weiterbildungsmöglichkeiten sowie das gesteigerte Gruppenzugehörigkeitsgefühl zu sein, was trans*Personen in allen Belangen ansonsten meist verwehrt bleibt.[14]

Anmerkungen


[1] Hänel, Lisa: Frauen in der Bundeswehr: Sehr gefragt aber selten, Deutsche Welle, dw.com , 14.4.2024.

[2] Prange de Oliveira, Astrid. Weibliche Wehrpflicht: Welche Länder rekrutieren Frauen?, Deutsche Welle, dw.com , 5.4.2025.

[3] Hauck, Uli: Koalition diskutiert über Reform: Welcher Wehrdienst soll es sein?, Tagesschau, tagesschau.de , 7.10.2025.

[4] Lautsch, Eva Ricarda: Wehrpflicht für Frauen – Wenn dann für Alle, DIE ZEIT, zeit.de , 31.8.2025.

[5] Verteidigungsministerin Von der Leyen will die Bundeswehr familienfreundlicher machen, DIE ZEIT, zeit.de , 12.1.2014.

[6] Nationaler Veteranentag: Drei Fragen an Sonja, Oberstabsfeldwebel und militärische Gleichstellungsbeauftragte, veteranentag.gov.de, 2025.

[7] Wanninger, Sebastian: Ein Orientierungspunkt – Oberstleutnant Anastasia Biefang, Bundeswehr.de, 2019.

[8] Cordsen, Knut: Wie aus Marc Biefang die Bundeswehroffizierin Anastasia wurde, br24.de, 31.3.2021.

[9] TEDxKIT: Einhorn in Flecktarn – Anastasia Biefang, TEDx Talks, 23.1.2023, youtube.com (05:02 – 06:06).

[10] siehe Fußnote 8.

[11] Demnitz, Jana: Rehabilitierung queerer Soldat*innen – „Ich war die erste Frau auf Kampfflugzeugen“, tagesspiegel.de, 11.5.2021.

[12] Solmecke, Christian: Anastasia Biefang scheitert mit Verfassungsbeschwerde – Fragwürdiger Streit um privates Tinder-Profil, WBS.LEGAL Rechtsanwaltsgesellschaft, wbs.legal, 16.4.2025.

[13] Gates, Gary J. & Herman, Jody L.: Transgender Military Service in the United States, The Williams Institute – School of Law (UCLA),                williamsinstitute.law.ucla.edu, 1.5.2014.

[14] Christopher, Ben: How the Military Became the Country’s Largest Employer of Transgender Americans, Priceconomics, 28.9.2016.